Es werden Statistiken zitiert, in denen 18% aller schwulen Jugendlichen einen Selbstmordversuch hinter sich haben.
Michael Schmidpeter hat sich das Leben genommen:
"Michael Schmidpeter war gerade mal 17 Jahre alt, als er am 07.06.2006 den Freitod wählte. Er war ein intelligenter, lebenslustiger Junge, mit dem ehrgeizigen Ziel Fußballschiedsrichter zu werden, bis er sich plötzlich in einen gleichaltrigen Schulkameraden verliebte. Michael war einer von vielen, die im Coming-Out-Prozess keinen Ausweg mehr fanden. "
Aus diesem tragischen Fall ist eine bemerkenswerte Initiative erwachsen:
http://www.schmidpeter-preis.de/ .
Dieser Fall ist tragisch und ein Beispiel, wie viel in dieser Gesellschaft sich noch ändern muss. Schwule Jugendliche brauchen Identifikationsfiguren, ein Umfeld, das sie akzeptiert. Wenn Sie in emotionalen Krisen sind, muss es Menschen geben, denen sie sich anvertrauen können, die Verständnis für sie entwickeln. Die Gründe sind einfach: Die "erste Liebe" und Liebeskummer sind für alle Jugendlichen einschneidende Erfahrungen. Wenn sie in einem gesellschaftlichen Umfeld stattfinden, in dem es Repressionen gibt, droht die Katastrophe. Die Jugendlichen sehen nicht, wie das Leben weitergehen soll. Alles bricht um sie zusammen: Mit dem gescheiterten Coming-Out ist das Scheitern des eigenen Selbstbildes und des Selbstwerts verbunden, vielleicht Ächtung im gesellschaftlichen Umfeld, vielleicht auch unerwiderte Liebe.
Lösungen gibt es aber in den meisten Fällen. In den schlimmsten Fällen muss man sein Leben in die Hand nehmen, den Freundeskreis wechseln und vielleicht in eine andere Stadt ziehen. Dazu braucht es Kraft, Reife und auch Unterstützung - es ist aber in den meisten Fällen objektiv machbar.
Die Jugendlichen machen aber leider etwas anderes, indem sie anfangen zu bilanzieren:
- "Werde ich das Leben in meiner Gemeinschaft, der Familie, dem Schulverband weiterführen können?"
- "Werde ich wieder Freunde finden?"
- "Werde ich jemals wieder eine Liebe finden?"
- "Werde ich meine Lebensperspektive verwirklichen können?"
Sie sehen oft keine Lösungen, das Coming-Out hat alles zerstört. Nur wissen wir, dass eine solche Bilanz Unsinn ist: Es gibt immer neue Möglichkeiten, man kann sich neu verlieben und notfalls auch in der Fremde sein Glück finden. Und vor allem besteht die Möglichkeit, dass es besser wird - oft findet sich irgendjemand, der unerwarteterweise einem hilft.
Jugendliche wollen eine Bilanz aufstellen und ihr Leben in den ersten Lebensjahren mit dem vergleichen, was noch auf sie zukommen wird. Sie haben aber oft nicht die Erfahrung zu erkennen, was das Leben für sie bietet. Zudem wird diese "Bilanzierung" oftmals in einem Zustand emotionaler Instabilität ausgeführt und ist deswegen weit davon entfernt, objektiv zu sein.
Wie soll eine Gesellschaft damit umgehen? Die christliche Kultur tabuisiert den Selbstmord und meiner Ansicht ist dieses Tabu bis auf die religiöse Begründung auch sinnvoll. Gleichzeitig muss man aber auch den Fall von Krankheit und körperlichen Schmerzen neu diskutieren. Wenn es darum geht, ein bestehendes Leid zu mindern, halte ich den Selbstmord für denkbar.
Im Augenblick findet aber wenig vom statt. Stattdessen hält die Gesellschaft an fragwürdigen Dogmen fest:
- Es wird uns eingeredet, dass auch bei den schwersten Erkrankungen Schmerzmittel wirksam helfen, was nicht immer stimmt. Wenn es Hilfen gibt (und Krebspatienten berichten oft, dass ihnen Haschisch hilft), wird es nicht zugelassen.
- "Moralische Institutionen" wie der Papst leisten der Diskriminierung vorschub.
- Psychische Erkrankungen werden pathologisiert. Wir lernen nicht, wie wir mit depressiven Menschen umgehen müssen, obwohl diese Krankheit weit verbreitet ist.
Das, was aber auf keinen Fall hilft, ist der Respekt vor dem Freitod. Der Selbstmord kann in einigen Situationen wie schwerer Krankheit oder einem nahenden, qualvollen und schrecklichen ein Ausweg sein, aber weitere Ausnahmen sehe ich nicht, obwohl ich nicht ausschließen kann, dass sie existieren.
Ein gutes Beispiel, dass "Bilanzierungen" über erlittenes Leid gegenüber dem zukünftigen Leben sinnlos sind, zeigen die tragischen Beispiele der Selbstmorde schwuler und lesbischer Jugendlicher. Natürlich kann eine Situation ausweglos erscheinen, aber niemand kann wissen, was das Leben bringt. Niemand sagt, dass es besser sein wird - vielleicht wird es das aber. Meiner Erfahrung ist das Leben eine Mischung aus guten und schlechten Lebensphasen. Wichtig ist, dass wir versuchen, unsere und die Lebensumstände der anderen zu verbessern. Und erst im Angesicht der absoluten Auswegslosigkeit sollten wir den Weg des Freitods wählen.