Dienstag, 6. Januar 2009

Regeln

Viele schwule Paare geben sich Regeln für offene Beziehungen. Ein Beispiel aus der Welt der Fiktion bietet die US-amerikanischen Serie „Queer As Folk“ dargestellt: Justin und Brian machen versprechen sich, außerhalb der Beziehung nicht mehr als einmal mit einem anderen Menschen zu schlafen. Diese Abmachung soll wohl verhindern, dass einer der beiden sich in einen Fremden verliebt. Ich kann das nachvollziehen, denn ich würde eifersüchtig werden, wenn mein Partner mehrmals im Monat mit immer demselben Mann schlafen würde. Dennoch glaube ich, dass es schwer durchzuhalten ist.

Ein anderes Pärchen hat sich andere Regeln auferlegt: Sie dürfen nur Sex haben, wenn der andere in der „Nähe“ ist. Im Prinzip handelt es sich hier um eine Abwandlung des Dreiers, den man in einer Sauna oder auf einer Party hat, an dem aber einer der Partner nicht teilnehmen will, weil nur einer den Sexualpartner attraktiv findet. Funktioniert eine solche Reglung? Ich weiß es nicht, kann es aber für den speziellen Fall dort vermeiden. Dort hat sich das Pärchen strikte Regeln auferlegt: Man hat in den schwulen Dating-Portalen nur Partnerportale, kontrolliert gegenseitig die Chats und ruft sich gegenseitig ständig mit dem Handy an. Ein solches Verhalten empfinde ich as fast schon neurotisch – und verhindert nichts. Es entsteht dann die absurde Situation, dass einer der beiden fremdgeht und dann eine Lüge im Raum steht. Hier fehlt Vertrauen, das durch Kontrolle ersetzt werden soll. Im schlimmsten Fall fliegt die die Lüge auf, was durch noch mehr Kontrolle ausgeglichen werden soll, und es entwickelt sich ein Teufelskreis.

Wieso entsteht das Bedürfnis nach Reglungen? Man möchte am liebsten alles auf einmal erreichen: Die Sexualität mit anderen soll kontrolliert werden, damit sie sich unkontrolliert Bahn verschafft und die Beziehung gefährdet. Die Reglung soll also sexuelle Freiheit bewirken und gleichzeitig kontrollieren – was einen inhärenten Widerspruch bedeutet.

Lässt sich dieser Widerspruch vermeiden? Ich glaube nicht. Wir haben auch die Reglung, dass jeder den anderen nachfragt, wenn er ein Abenteuer will. Wenn einer sagt, dass er damit nicht einverstanden ist, dann gilt da als „Veto“. Auf diese Weise kann sichergestellt werden, dass sich keine Affairen neben der Beziehung entstehen oder bestehende Freundschaften gefährdet werden. Der Seitensprung hat den Stellenwert einer Ausnahme – Sexualität findet gemeinsam statt, und nur alle paar Monate ein Abenteuer.

Die Frage, ob es sich um eine gute Regel handelt, kann ich nicht beantworten. Ich kann nur sagen, dass sie sich in unserer Ehe im jetzigen Lebensabschnitt bewährt, da wir beide die Erfahrung machten, dass man sich schnell auseinanderlebt, wenn man von der sexuellen Freiheit zu oft gebrauch macht und viel zu wenig Zeit für den anderen hat. Bei mir sah das so aus, dass ich häufiger mit einem Mann aus unserem gemeinsamen Freundeskreis schlief. Es war ganz anders als im Eheleben: Er begehrte mich und war ständig sexuell erregt, wenn ich in der Gegend war. Umgekehrt fühlte ich mich sexuell begehrt, und so vielen wir beide übereinander her. Wir verbrachten Nächte miteinander, wo wir nach ein oder zwei Stunden Schlaf aufwachten, wieder sexuell erregt waren und miteinander verkehrten. Es war ganz anders als im von Routine durchzogenen Leben mit meinem Ehemann – und ich genoss dies. Dennoch merkte ich, dass diese Affaire einen zu hohen Stellenwert einnahm und ich auch Gefühle für den Menschen entwickelte, so dass ich meine Affaire beendete.

Wie so oft ist nicht die Regel, sondern das Ziel entscheidend. Wir sind uns einig, dass wir der Sexualität in unserer Beziehung einen größeren Stellenwert geben wollen. Wir sehen einen Dreier als einen Kompromiss, gemeinsam mit anderen Spaß zu haben, so dass dies im Fokus steht. Wenn dies aber nicht möglich ist, weil einer der Partner den dritten Sexualpartner oder eine sexuelle Spielart nicht attraktiv findet, dann kann er dennoch fragen, ob er allein mit ihm schlafen kann.

Ein weiterer uns verbindender Aspekt ist, dass wir Freundschaften zu Menschen wichtiger finden als sexuelle Abenteuer. Wir möchten auch nicht in den Ruf kommen, jeden Single und jedes andere Paar als potentielle Sexualpartner anzusehen, was wir auch nicht tun. Wir „wildern“ auch nicht in unserem Freundeskreis. Umgekehrt bekommen wir aber hin und wieder Signale, dass andere Lust auf eine sexuelle Erfahrung mit uns hätten. Ich würde auf ein solches Signal aber nur dann eingehen, wenn ich wüsste, dass es keine bestehende Freundschaft gefährden würde.

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